Auf dieser Seite finden Sie Pressestimmen zur "nah & fern".
www.schattenblick.de
[...] ganz zu schwiegen von den halb verhungerten Boat
People auf dem nördlichen Mittelmeer, die verzweifelt den
Mörsern und Granaten zu entkommen versuchen, die ihre dunklen
Schatten über die leidgeprüften Landstriche Euramerikas werfen.
Einige schaffen es an Land, irren umher, verlieren den Mut, werfen
mir nichts, dir nichts die Flinte ins Korn und warten darauf, vom
Nichts dahingemäht zu werden.
(Abdourahman A. Waberi, In den Vereinigten Staaten von Afrika,
S. 26)
In Deutschland aber macht man sich Sorgen um den Stellenwert der
deutschen Sprache. Vor allem die Türken stehen in Verdacht, nicht
gut genug Deutsch zu sprechen. Zumindest sprechen sie ihre eigene
Sprache öffentlich und laut in den Untergrundbahnen und auf
Schulhöfen. Manchmal mischen sie auch die Sprachen, und ein
außenstehender Betrachter kann nicht mehr urteilen, wohin er diese
Menschen einordnen soll.
(Zafer Senocak, Kleine Straßen meiner Kindheit, S. 16)
Eine Holzbank stand vor meinen Augen. [...] Aber auf der
Rückenlehne stand "SLEGS BLANKES", also war die Bank nur für die
"Blankes", und ich spürte einige Augen um mich herum. Ich wußte
nicht, ob ich das Recht hatte, mich auf die Bank zu setzen, oder
nicht.
(Yoko Tawada, Übersetzungen, S. 22)
Sprachgetrieben ist dann mein Ort versöhnend. Eine Art
Kontemplation. Einsamkeit, die anders war und ist. Sie pulst in
diesem Landstrich entschleunigter als in der "großen Stadt". [...]
Ganz auf mich zurückgeworfen. Einen Gedanken, ein Gefühl filigraner
ist dann dieser Ort und unbequem. Im vertrauten Trotz ein Fetzen
Heimat. Mit einem Menschenschlag, den ich verstehe, wo ich ihn
nicht begreife, weil ich dazugehöre.
(José F. A. Oliver, Mein andalusisches Schwarzwalddorf, S. 29)
Aber anstatt den Einreisknoten zu lösen, zieht Europa es vor,
weiterhin von "noch nie da gewesenem Druck" zu sprechen und
Millionen von Euro für die Militarisierung der Grenzen durch aus
dem Boden gestampfte Agenturen wie Frontex auszugeben. Nach den
Operationen vor den Kanarischen Inseln ist der Kanal von Sizilien
das nächste Betätigungsfeld.
(Gabriele del Grande, aus der Reportage "Mamadous Fahrt in den
Tod", S. 42)
Allein diese Leseprobe aus der Zeitschrift nah & fern Nr. 39, diesmal mit dem Schwerpunkt "Migration literarisch", trägt die Widersprüche, die das Thema aufwirft, schon in sich: Die unterschiedlichsten Texte der durchweg sehr bekannten Autoren reichen von höchst ambitionierter Schreibweise über Abschiebung, Flucht, Diskriminierung von Minderheiten, rechtliche Verstrickungen, Gewalt, Krieg und Heimatlosigkeit bis zu biographischer und poetischer Prosa. Im Layout hat sich die nah & fern-Redaktion mit Hochglanz für den ästhetischen Teil des Themas entschieden, was (eventuell beabsichtigt?) der Auseinandersetzung mit einer unerträglichen Realität die Spitze nehmen kann und die Assoziation hervorruft, daß Migration "eben nicht ausschließlich ein Armutsthema" sei (laut einer Rezension über diese Zeitschrift bei www.culture-counts.de). Verhelfen dem Leser die Texte vielleicht zu weniger Distanz durch freundliche Autoren-Fotos?
Eigentlich hat es sich im deutschen Literaturbetrieb schon längst herumgesprochen: Die als sogenannte "Migrantenliteratur" bezeichneten Werke von Autoren mit Migrationshintergrund, deren meist kritische Themen daran erinnern, daß die Welt weniger an zurückgezogener Innerlichkeit und Partner- oder Familienproblematik leidet als an Krieg, Vertreibung, Armut, Hunger und Gewalt, haben sich zunehmend im deutschsprachigen Raum etabliert. Die inhaltlichen Lücken in der deutschen Gegenwartsliteratur werden bei Bedarf gerne mit den ambitionierten Texten "integrierter" Autoren gefüllt - eine Erinnerung daran, daß Literatur ein Schauplatz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein könnte.
Dennoch wird die Frage nach der Einordnung der Werke deutschsprachiger Literaten nicht-deutscher Herkunft in den deutschen Literaturbetrieb seit Mitte der 1960er Jahre bis heute noch aufrecht erhalten. Nüchtern betrachtet erübrigt sie sich aber, denn als nahezu eigenes Genre unter sich mit der Zeit gewandelten Sonderbezeichnungen (von "Gastarbeiterliteratur" oder "Ausländerliteratur" zur "Migrantenliteratur" oder "Gastliteratur") kann von wirklicher Integration eigentlich keine Rede sein. Die zivilisatorische Überlegenheit der westlichen Moderne wird dadurch aufrechterhalten, daß allzu kritische Worte ausgegrenzt werden oder Autoren, die über biographische Berichte hinaus engagiert schreiben, mehr Schwierigkeiten haben, überhaupt gelesen zu werden (z.B. einen Verlag zu finden oder gefördert zu werden). Zudem wird gezielt eine Entwicklung der Migrantenliteratur in die ästhetische und biographische Richtung verstärkt, so daß sich langsam die Frage stellt, wie groß das offizielle Interesse an solch kritischen Themen überhaupt noch ist, wie sie die Anfänge der Mirgantenliteratur kennzeichneten. Verlegt sich der Schwerpunkt auf exotische Schilderungen des Fremden, auf die eher sprach-ästhetische, poetische Leistung der interkulturellen Schriftsteller? Die Antwort liegt beim Leser.
Diese problematischen Zuweisungen im Literaturbetrieb sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig auch ein Instrument für politische Maßnahmen gegenüber dem Fremden. Die Typisierung als "Migrantenliteratur" ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer Gesellschaft, die Ressentiments gegen eine zu klare Sprache schürt und eine Kultur des Unterschieds pflegt.
Die widersprüchliche "Handhabung" der Migranten-Problematik kann man auch in diesem neuen Septemberheft von "nah & fern", dem "Kulturmagazin für Migration und Partizipation", ablesen, das dreimal im Jahr erscheint. Das Wort "Partizipation" im Titel läßt sich allerdings kaum mit der inhaltlichen Absicht dieser Herausgabe vereinbaren, die im Editorial genannt wird: "Grenzen sind überschreibbar"
So ist in den letzten Jahren ein transnationaler Raum der Literatur
entstanden, der in dem Maße größer wird, in dem
Grenzüberschreitungen (und ihre Folgen) als gesellschaftliche
Normalität des 21. Jahrhunderts angesehen werden.
In diesem Heft wird es darum gehen, wie solche Grenzen fortgesetzt
überschritten und überwunden werden: die staatlichen, die
kulturellen und auch die im eigenen Kopf. Dies geschieht unabhängig
von der Staatsangehörigkeit oder dem Migrationshintergrund der
Autoren und unabhängig davon, ob das Geschriebene auf realen
Erlebnissen beruht. Die Unterschiede zwischen Identitäten, Nationen
oder Kulturen sind längst in Bewegung geraten und fließen
ineinander. Ihre Grenzen sind überschreit- und überschreibbar."
(Editorial von Dankwart von Loeper, S. 3)
Ob die Lösung des Problems allerdings in der Möglichkeit einer interkulturellen Identitätsentwicklung liegt, im Geist der einen menschheitsverbindenden Multikultur ist bei einem Blick auf die gesellschaftliche und politische Realität fraglich, die davon letztlich auch nicht erträglicher wird. Der hierzulande herrschende Rassismus oder die Behördenwillkür, die den Einwanderern entgegenschlagen und ihnen das Leben in dieser Gesellschaft schwer machen, wird nicht allein mit einer möglichen Bereitschaft zur Eingliederung oder der Eingliederung selbst zu korrigieren sein.
Tatsächlich sind die Grenzen alles andere als aufgehoben. Aber gerade darüber berichtet die Mehrheit der Texte in diesem Heft eindrücklich...
Auf dem dritten Integrationsgipfel der Bundesregierung reichten 17 Migrantenverbände ihre Kritik ein. Die Entwicklungen liefen den Zielen des Integrationsplanes zuwider. So sei in den vergangenen Jahren das Zuwanderungsrecht verschärft und die Einbürgerung erschwert worden. Auch der Ausbildungsmarkt und die Situation an den Schulen für Kinder mit Migrationshintergrund hätten sich nicht verbessert. "Integration bedeutet Partizipation", betonte Angela Merkel, was verdächtig an das Prinzip der Frauenquote erinnert, die einzig dem Zweck dient, ein Umdenken endgültig überflüssig zu machen und unbequeme Stimmen zur Ruhe zu bringen.
Deswegen müsse es ganz normal sein, dass Migranten in allen
gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Politik, entsprechend
ihres Anteils an der Bevölkerung vertreten seien.
Die Vertreter der Migranten zeigten sich von dem Erreichten
allerdings nicht ganz so euphorisiert. Der Integrationsplan sei ein
Meilenstein in der deutschen Geschichte, sagte zwar auch Mehmet
Tanriverdi, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der
Immigrantenverbände. Er betonte aber auch: "Wir sind noch weit weg
von dem Ziel, das wir uns gesetzt haben'. Der Integrationsplan sei
"unten noch nicht angekommen'."
(Katharina Schuler, ZEIT ONLINE 6.11.2008)
Beim Lesen der Zeitschrift kommt man um die immer wieder diskutierte Frage nach der Funktion von Literatur in Deutschland nicht herum.
Können Schriftsteller überhaupt etwas bewirken, eine Entwicklung in Denken und Handeln in Gang setzen, Kriege verhindern, Vorurteile abbauen? Intellektuelle und Schriftsteller sind nicht unbedingt selbst die Betroffenen und zerrissen zwischen den Anforderungen des Büchermarktes, den tauben Ohren vieler Leser und der eigenen Stimme.
Dennoch können sie festgefahrene Deutungsmuster aufbrechen, Widersprüche aufdecken und der Realität eine neue oder andere Sichtweise geben.
In diesem Sinne legt die aktuelle Ausgabe von "nah & fern" auf im wahrsten Sinne des Wortes sprechende und einfache Weise alle Probleme offen. Das Heft regt an, informiert und macht auf beklemmende Weise betroffen. Der von Loeper Literaturverlag, von dem das Magazin erstellt wird, ist ein Profi darin, sein Anliegen zu präsentieren, denn seit über 25 Jahren sind die Themenbereiche Exil, Migration, Asyl und Menschenrechte ein wichtiger Verlagsschwerpunkt. Der Verlag hat die Zeitschrift "nah & fern" seit November 2005 (Ausgabe 31) übernommen. Die redaktionelle und gestalterische Verantwortung liegt jetzt bei ihm. Ein Redaktionsbeirat mit profilierten und sachkundigen Persönlichkeiten berät die Redaktion.
Die erste Ausgabe von nah&fern erschien noch in der "alten" DDR in
den Zeiten des Umbruchs im Sommer 1989 zum Kirchentag in Leipzig.
Zunächst herausgegeben vom Ökumenisch-Missionarischen Zentrum
Berlin-Ost, beteiligte sich ab der zweiten Ausgabe das Evangelisch-
Lutherische Missionswerk Leipzig (LMW) an der Herausgabe der
Zeitschrift.
Der Ausländerbeauftragte des LMW, Dieter Braun, arbeitete im
Redaktionskreis leitend mit. Von 1991 bis 2004 war nah&fern eine
Gemeinschaftsproduktion von LMW und Berliner Missionswerk (BMW),
mit finanzieller Unterstützung des EKD-Kirchenamtes und der
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Die
Hauptverantwortung für die Herausgabe lag beim
Ausländerbeauftragten des LMW.
Themenschwerpunkte waren u.a. Interkulturelle Arbeit,
Abschiebehaft, Illegalität, Europa, Rassismus, Kinder,
geschlechtsspezifische Verfolgung u.v.m. Viele namhafte Autorinnen
und Autoren haben an dem Heft mitgewirkt.
(www.vonLoeper.de, Geschichte der Zeitschrift)
"nah & fern" hat klar definierte Zielgruppen ...
Zielgruppe sind alle LeserInnen, die sich für die Themen Migration
und Partizipation interessieren. Dazu gehören beispielsweise haupt-
und ehrenamtliche MitarbeiterInnen aus der Menschenrechtsarbeit
oder Flüchtlingsberatung, Interessierte aus Politik, Gewerkschaft,
Verwaltung, Hochschule, Kirche, Medien und Wohlfahrtsverbänden.
Die Zeitschrift soll einer breiten Öffentlichkeit - besonders auch
Multiplikatoren wie z.B. LehrerInnen oder Betriebsräten - die
Themen Integration und Partizipation von Flüchtlingen und
MigrantInnen nahe bringen.
(www.vonLoeper.de, Zielgruppen)
... und ist damit im von Loeper Literaturverlag gut aufgehoben:
Der von Loeper Literaturverlag wurde 1978 als "Verlag Rolf Schott
Archiv" von dem damals noch 19-jährigen Dankwart von Loeper (*1958)
gegründet. Ziel des Verlages war es, vergessene Exilautoren, die so
genannten "verbrannten Dichter" dem deutschen Publikum wieder
zugänglich zu machen sowie jungen Autorinnen und Autoren eine
verlegerische Heimat zu bieten. [...] Hier finden Sie die großen
Standardwerke zum Thema Asyl und Menschenrechte: Das "Handbuch der
Asylarbeit", seit seinem Erscheinen das Nachschlage- und
Informationswerk für alle haupt- und ehrenamtlich in der Asylarbeit
tätigen, das "Handbuch der Fluchtländer", herausgegeben vom
Informationsverbund Asyl (ZDWF), wichtige Handbücher, die von PRO
ASYL herausgegeben wurden, z.B. "Menschenwürde mit Rabatt" von
Georg Classen oder "Das neue Asylrecht" von Hubert Heinhold,
Bücher zum Thema Illegale, Kinder im Asyl, Kirchenasyl und vieles
mehr...
(www.vonLoeper.de, Verlagsgeschichte, Der von Loeper
Literaturverlag)
Es bleibt zu hoffen, daß das Magazin noch lange fortgeführt werden kann. Die nächste Ausgabe erscheint mit dem Thema "Urbane Jugendkulturen" im Dezember 2008.
http://www.schattenblick.de
nah & fern ist zunächst einmal eine ästhetisch aufwendig gemachte Zeitschrift.
Sie besticht durch außergewöhnlich beeindruckende Fotos, insbesondere Porträts von Migranten aus aller Welt. Das ist mehr als eine schöne Verpackung, das ist Programm. Denn die großformatigen, berührenden Fotos machen auf den ersten Blick klar: Diese Menschen aus allen Weltgegenden repräsentieren einen ungeheuren Reichtum. An Geschichten, Erfahrungen, Fähigkeiten, Talenten, kulturellen Bezügen. Migration ist eben nicht ausschließlich
ein Armutsthema. Es ist auch ein Thema der Fülle und Vielfalt.
Das Magazin setzt nicht auf moralische Appelle, sondern auf Faszination. Viele Menschen, die ganz in unserer Nähe leben, kommen aus der Ferne; andere, die in der Fremde leben, beeinflussen unseren Alltag hierzulande.
Daraus ergeben sich spannende Themen, die Exotik des Alltags, Vernetzungen in entlegene Weltgegenden. Globalisierung, diese schnell rotierende Mischmaschine der Kulturen, ist nah und fern zugleich, schafft neue Nähe,
aber auch ungewohnte Distanzen.
http://www.culture-counts.de