Theater war immer schon ein magischer Ort: Grenzen wurden (und werden) aufgehoben oder in ein neues (Bühnen-) Licht getaucht. Fremdes ist plötzlich ganz nahe. Themen kommen − im wahrsten Sinne des Wortes − zur Sprache, die vorher verdrängt wurden. Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden nicht länger akzeptiert. Die „Bretter, die die Welt bedeuten“, deuten den Aufruhr. Der Spot erhellt nicht nur die Bühne, sondern auch die Köpfe. All das ist beste Theater-Tradition.
Aber wo, bitte schön, kommen die Migranten vor?
In dieser nah & fern sind wir auf Spurensuche gegangen. Viele unserer Bühnenautoren, von der Antike bis zur Gegenwart, waren oder sind Migranten. Und auch in ihren Theaterstücken wird oft genug vom Fremdsein, von Vertreibung und Flucht, von Migration in den unterschiedlichsten Facetten berichtet. Und doch scheint es so, als müsse die Migration noch in die Gegenwart des Theaters versetzt, müsse die heutige Geschichte der Migranten erst noch erzählt werden. Unser (meist staatlich organisiertes) Theater scheint immer noch kein guter Ort für Migranten zu sein, weder als Akteur noch als Zuschauer. Shermin Langhoff äußert dies ganz pointiert in dieser Ausgabe: „Auch nach 60 Jahren deutscher Migrationsgeschichte haben migrantische Protagonisten kaum Zugang zur Theaterwelt bekommen, so dass sie ihre und andere Geschichten selbst erzählen könnten.“ (Seite 18)
Warum ist das so? Warum soll das so bleiben? Wenn jemand „Theater macht“, dann bedeutet dies umgangssprachlich, dass mit Ärger zu rechnen ist. Wenn Migranten Theater machen, dürfen wir uns auf weit mehr gefasst machen. Einige spannende Theaterprojekte, von der Freien Szene bis zu den Staatstheatern, werden in diesem Heft vorgestellt. Dass viele Theaterprojekte ganz bewusst mit Jugendlichen entstehen, ist dabei ein besonders hoffnungsvolles Zeichen. Havva Engin erläutert dies: „Schüler mit Migrationshintergrund erfahren, dass ihre kulturell, religiös und sprachlich vielfältigen Biografien Stärken und Potenziale enthalten, welche sie produktiv nutzen können. Dadurch wird ihnen eine positive Identifikation sowohl mit der eigenen Herkunft als auch mit der Sprache, Kultur und Gesellschaft des Zuwanderungslandes ermöglicht.“ (Seite 29).
Das hat nichts mit Betroffenheits-Theater und Political Correctness zu tun. Nicht der Migrant wird zum Thema, weil er Migrant ist, sondern weil er viel zu sagen hat. Neco Çelik, Film- und Theatermacher aus Leidenschaft sagt dies ganz deutlich: „Ich erzähle keine Geschichten über Immigranten,“ so Çelik. „Ich erzähle von Menschen, die etwas Bestimmtes erleben oder ein gewisses Problem haben und dieses lösen müssen in Deutschland. Dieses Problem hat nichts mit Integration, Immigration oder irgendwelchen anderen Kulturen zu tun. Ich würde niemals eine Immigrantengeschichte erzählen. Aber damit tun sich einige schwer. Die sehen: Ah, da ist ein Schwarzkopf, der muss ja ein Immigrant sein. Also erzählt er nur Immigrantenstorys.“ (Seite 13).
Gelungene Theaterabende sind unterhaltsam und informativ, erkenntnisreich und subversiv, kritisch und bewegend. Für den Bruchteil des Preises einer Theaterkarte (obwohl nicht subventioniert!) wünschen wir desgleichen bei der Lektüre. Spielen Sie mit!
In diesem Sinne: Vorhang auf, Bühne frei!