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Kein Wort mehr über Herrn S.

von Dankwart von Loeper

Über niemanden ist in Deutschland im zurückliegenden Jahr 2010 mehr geredet, geschrieben und gesendet worden als über Herrn S. Mit seinem schief konstruierten und unsauber recherchierten Buch über das, was man in Deutschland angeblich „nicht sagen“ darf, wurde er unversehens zum Auflagen- und Euro-Millionär. (Einige kritische Reflektionen hierzu finden Sie auf Seite 7.) Das alles bräuchte uns nicht wirklich zu beunruhigen, würde dahinter nicht die hässliche, immer seltener nur latente Fratze eines Rassismus erkennbar, der immer mehr in der Mitte Deutschlands Platz zu greifen scheint. Die Thesen können gar nicht krude, die herbeigezogenen Statistiken nicht verzerrt genug sein, um nicht von vielen für bare Münze genommen zu werden.

Vielleicht fehlt es, um solches Falschgeld zu erkennen, manchem schlicht an Bildung? Doch das wäre ungerecht, schließlich sind fremdenfeindliche, antisemitische, antiislamische oder sonstige rassistische Denk- und Verhaltensmuster nicht eine Frage der (Bildungs-)Schicht.

Dass Bildung die Schlüssel-Kompetenz ist, muss man den mit dem Rubrum „Migrant“ Abgestempelten jedenfalls nicht erst erklären. Eine aktuelle und repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung belegt, dass es bei den Themen Familie und Beruf zwischen Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes gibt. Gefragt wurde nach der beruflichen Karriere, dem Rollenverständnis von Mann und Frau, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Praxis der Kinderbetreuung sowie dem Zusammenleben mit mehreren Generationen. Die Ergebnisse widerlegen Vorurteile über Menschen aus anderen Herkunftsländern in der deutschen Gesellschaft. So ist z. B. die Karriereorientierung von Berufstätigen mit Migrationshintergrund stärker ausgeprägt als bei den deutschstämmigen Befragten. Insgesamt 89 Prozent sagen „Ich möchte beruflich weiterkommen“; 57 Prozent stimmen dem sogar „stark“ zu. Von den Berufstätigen ohne Migrationshintergrund sind es lediglich 45 Prozent. Die Auswertung zeigt, dass insbesondere junge Migranten stark leistungs- und erfolgsorientiert sind (75 Prozent gegenüber 67 bei den Nichtmigranten).

Dass es dennoch eine deutliche Ungleichbehandlung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem gibt, weist Albert Scherr in seinem Artikel (ab Seite 10) nach. Zu Recht beklagt er, „dass deutsche Schulen immer noch vom vermeintlichen Normalfall des deutschsprachig aufgewachsenen Schülers ausgehen, dessen Eltern die Strukturen des Schulsystems und die in deutschen Schulen üblichen Regeln und Normen kennen. Die Schulen haben noch nicht gelernt, sich auf die Realität einer sozial heterogenen Einwanderungsgesellschaft einzustellen.“

Auch für Havva Engin liegt gerade im deutschen Bildungssystem ein großes Problem. In ihrem Beitrag (ab Seite 18) warnt sie: „Darüber hinaus birgt die dauerhafte Deprivation und Unterschichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch falsche Bildungspolitik enormen Sprengstoff für den gesellschaftlichen Frieden.“

Inwieweit auch Religion ein Thema der Bildung ist, zeigt Andreas Lipsch (ab Seite 22) am Beispiel einer Berufsschule in Offenbach, an der Schüler verschiedener Glaubensrichtungen im Religionsunterricht gemeinsam unterrichtet werden: „Eine evangelische und eine islamische Theologin sowie ein katholischer Theologe treten in der 11. Klasse gemeinsam vor eine interreligiöse Lerngruppe. Darunter Fromme und Zweifelnde, Überzeugte und Fragende unterschiedlicher Konfessionen und Religionen. Üblicherweise erfahren die Schüler, dass Religionszugehörigkeit etwas ist, was trennt. Hier lernen sie - nicht zuletzt durch das Vorbild der heterogenen Lehrerschaft - konstruktiv mit Unterschieden umzugehen. Sie erleben, dass es Unterschiede nicht nur zwischen Konfessionen und Religionen gibt, sondern auch in ihrem Inneren. Sie lernen Beschreibungen und Zuschreibungen zu unterscheiden. Da gibt es nicht mehr 'den' Christen und 'den' Muslim, nur noch Mustafa, Wesley, Dominik, Luam, Dragana und die Anderen.“

Solche Bildung hat Herr S. noch dringend nötig!

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