nah & fern
Kulturmagazin für Migration und Partizipation

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Grenzen sind überschreibbar!

von Dankwart von Loeper

Waren Sie schon einmal Ehrengast? Dann hatten Sie vielleicht das Privileg ganz vorne zu sitzen, besonderer Ehrungen und Lobreden teilhaftig zu werden und einen herausgehobenen Status zu genießen. Auch die Frankfurter Buchmesse hat dieses Jahr einen Ehrengast und da eine Person nicht genug wäre, ist es gleich ein ganzes Land: die Türkei. Mit zahllosen Lesungen, Theateraufführungen und sonstigen Kulturveranstaltungen wird damit Literatur aus der Türkei in den Mittelpunkt gerückt. Gut so! Was aber ist mit der Literatur, die früher als „Gastarbeiterliteratur“ und „Ausländerliteratur“ klassifiziert wurde und die heute „Migrationsliteratur“ genannt wird? Der lange Weg vom Gastarbeiter zum Ehrengast zeigt doch nur eins: Gast bleibt Gast. Aber ist die „Migrationsliteratur“ nicht längst hier angekommen, längst Teil „unserer“ Kultur? Brauchen wir den Begriff der „Migrationsliteratur“ überhaupt noch? Und heißt Kultur, heißt Literatur nicht immer gerade auch eins: Grenzen zu überschreiten?

„Migrationsliteratur … das ist echt ein Ekelbegriff“, erklärte Feridun Zaimoglu 2006 in einem Interview. Die Abneigung des Schriftstellers bezog sich nicht nur auf eine bestimmte „Weinerlichkeit“ und ein „kultiviertes Fremdsein“, die seiner Ansicht nach in dieser Literatur zum Ausdruck komme. Sondern auch auf die Mechanismen, mit denen der Literaturbetrieb Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgrund ihrer Biografie klassifiziere. Wer einen Migrationshintergrund hat und in deutscher Sprache schreibt, verfasst „Migrationsliteratur“, so die unausgesprochene Maxime, auf die sich viele Verleger, Lektoren, Kritiker und Literaturwissenschaftler geeinigt zu haben scheinen. Damit war nicht zwangsläufig eine diskriminierende Absicht verbunden: Ging es doch auch darum, auf Texte und Autoren aufmerksam zu machen, die im „deutschzentrierten“ Literaturbetrieb der 80er und 90er Jahre sonst kein Publikum gefunden hätten. Doch gleichzeitig wurden (und werden) die so Klassifizierten in eine Schublade gesteckt, der sie nur schwer entrinnen. Die Tendenz, Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund das Etikett „Migrationsliteratur“ anzuheften, scheint in letzter Zeit zwar etwas zurückzugehen. Nichtsdestotrotz wird man auch weiterhin mit bestimmten Zuschreibungen und Projektionen rechnen müssen: „Der Exotismus wird nie aussterben“, konstatierte Zaimoglu 2006.

Die Türkei ist in dieser „nah & fern“ nicht Ehrengast, sondern Ausgangspunkt einer literarischen „Reise“. Mit der Kulturmetropole Istanbul ist ein Zentrum benannt, das weithin ausstrahlt - wie beispielsweise der Text von Zafer Şenocak zeigt. Mancher, der Istanbul verlassen hat, ist in Wanne-Eickel angekommen, soll heißen, hat sich in der Normalität einer mittelgroßen, vielleicht etwas langweiligen Stadt einrichten müssen. So wie Istanbul in unserem Titel nicht nur die reale Stadt am Bosporus meint, sondern ein Synonym ist für eine kulturelle Metropole, so soll der Städtename „Wanne-Eickel“ hier als Synonym verstanden werden für die mitunter eintönige Normalität des Alltags (die Bewohner Wanne-Eickels mögen uns diese eventuell ungerechtfertigte Zuschreibung verzeihen). Zwischen „Istanbul“ und „Wanne-Eickel“ passen in unserem Überblick eine Vielzahl von literarischen Orten: ein verschneiter Weiler in den Weiten Kasachstans (Eleonora Hummel), das Rio de Janeiro von Asli Erdoğan, das Südafrika von Yoko Tawada, die „Vereinigten Staaten von Afrika“ (Abdourahman Waberi), ein vielleicht in Ungarn liegendes Dorf, das der liebenswerte Zigi regelmäßig besucht (Zsuzsa Bánk), das „dunkle Schiff“, auf dem ein irakischer Kurde nach Europa zu fliehen versucht (Sherko Fatah), nicht zu vergessen das „andalusische Schwarzwalddorf“ von José F. A. Oliver. Bei aller Unterschiedlichkeit der Schreibweisen haben die in dieser Ausgabe vorgestellten Autorinnen und Autoren jedoch eines gemeinsam: Ihre Werke lassen sich nicht mehr mit den Kategorien einer auf Nationalsprachen und Nationalkulturen fixierten Literaturgeschichte klassifizieren. So ist in den letzten Jahren ein transnationaler Raum der Literatur entstanden, der in dem Maße größer werden wird, in dem Grenzüberschreitungen (und ihre Folgen) als gesellschaftliche Normalität des 21. Jahrhunderts angesehen werden.

In diesem Heft wird es darum gehen, wie solche Grenzen fortgesetzt überschritten und überwunden werden: die staatlichen, die kulturellen und auch die im eigenen Kopf. Dies geschieht unabhängig von der Staatsangehörigkeit oder dem Migrationshintergrund der Autoren und unabhängig davon, ob das Geschriebene auf realen Erlebnissen beruht. Die Unterschiede zwischen Identitäten, Nationen oder Kulturen sind längst in Bewegung geraten und fließen ineinander. Ihre Grenzen sind überschreit- und überschreibbar.

Viel Vergnügen beim Entdecken!

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